Didaktisches Modell zur historisch-kritischen Filmanalyse

 

Filmanalyse ist kein überdisziplinär gleich definierter Begriff oder Methode. Die unterschiedlichen Fragestellungen der Wissenschaftsbereiche entwickelten unterschiedliche Werkzeuge und Methoden der Filmanalyse. Ihnen gemein ist eine wissenschaftliche Herangehensweise an das Medium Film indem der Untersuchungsgegenstand zunächst aufgelöst und in seinen Bestandteilen betrachtet, darauf strukturiert, untersucht und ausgewertet wird. Erst diese intensive, systematische Auseinandersetzung mit Film lässt eine nachvollziehbare Analyse und Interpretation zu. Auch für die historisch-politische Bildung sind Analysekonzepte bzw. -modelle entwickelt worden.

Für die Umsetzung in die Erstellung konkreter Unterrichtsmaterialien weisen die Modelle von G. Albrecht und H. Korte wesentliche Anknüpfungspunkte auf.

Im Analysemodell von G. Albrecht aus den 80er Jahren werden drei Analysebereiche ausgewiesen, die untersucht werden müssen:

 

Grundlage der Arbeit sind sieben Beobachtungsaufgaben, die überwiegend auf die inhaltliche Darstellung des Films abzielen:

1. Was weiß man über die Entstehung und die Bedeutung von Medien, über die Absichten und Überzeugungen der Hersteller?

2. An welche anderen Darstellungen erinnert der Film?

3. In welcher Zeit und in welchem Raum spielt der Film?

4. Was wird durch die Auswahl der Gestalten deutlich?

5. Was wird durch den Aufbau der Handlung deutlich?

6. Was wird durch das Bild hervorgehoben?

7. Was wird durch den Ton hervorgehoben?

Auf Grund der Feststellungen, die durch die Beantwortung der Beobachtungen erfolgen, können dann Angaben über die Aussage/Tendenz/Zielsetzung des Films gemacht werden?

In diesen Beobachtungsaufgaben finden sich folgende Analysedimensionen wieder:

  • Bezugszeit": Gegebenheiten der realen Zeit, auf die sich konkrete Zeitangaben beziehen, die der Handlung, dem Ton, den Bildern entnommen werden können.
  • Handlungszeit": jene Teile der Bezugszeit, die tatsächlich in der Handlung eine Rolle spielen.
  • Laufzeit": diejenige Zeit, die zur Vorführung der Handlungszeit benutzt wird.
  • Bezugsraum": Gegebenheiten des realen Raumes, auf die sich konkrete Raumangaben beziehen, die der Handlung, dem Ton, den Bildern entnommen werden können.
  • Handlungsraum": jene Teile des Bezugsraumes, die tatsächlich in der Handlung eine Rolle spielen.
  • Bildraum": diejenigen Bilder, die zur Vorführung des Handlungsraumes benutzt

 

Realitätsebenen der Filmanalyse

In ähnlicher Weise hat Helmut Korte sein Modell für die Filmanalyse (Korte, 1999, 21-23) entwickelt. Korte bündelt dabei die Zeit- und Raumdimensionen in vier Realitätsebenen.

 

Filmrealität Bedingungsrealität Bezugsrealität Wirkungsrealität
Ermittlung aller am Film selbst feststellbaren Daten, Informationen, Aussagen (immanente Bestandsaufnahme), also Inhalt, formale und technische Daten, Einsatz filmischer Mittel, inhaltlicher und formaler Aufbau des Films, handelnde Personen, Handlungsorte, Handlungshöhepunkte, Informationslenkung und Spannungsdramaturgie etc. Kontextfaktoren, die die Produktion, die inhaltliche und formale Gestaltung des Films beeinflusst haben, also Aufarbeitung der historisch-gesellschaftlichen Situation zur Entstehungszeit des Films, Stand der Filmtechnik, der filmischen Gestaltung, Stellung des Films im Vergleich zur zeitgenössischen Filmproduktion (formal und inhaltlich), Bezüge zu anderen inhaltlich oder intentional ähnlichen Filmen, den weiteren Arbeiten des Regisseurs, seines Teams, der Produktionsfirma. Ggf. Bezug zur literarischen Vorlage etc: Erarbeitung der inhaltlichen, historischen Problematik, die im Film thematisiert wird: Publikumspräferenzen einschließlich Einsatzorte, Laufzeiten des Films, Intentionen der Hersteller etc. Aufarbeitung der Rezeptionsdokumente zur Entstehungszeit des Films (zeitgenössische Rezeption), ggf. der Rezeptionsgeschichte und der entsprechenden heutigen Daten
  Warum wird dieser Inhalt, in dieser historischen Situation, in dieser Form filmisch aktualisiert? In welchem Verhältnis steht die filmische Darstellung zur realen Bedeutung des gemeinten Problems, zu den zugrundeliegenden (historischen) Ereignissen?  
       

 

Diese Analysekonzeptionen berücksichtigen einerseits „die Gesamtsicht (das Gesamtbewusstsein) von Kommunikationsstrukturen und -prozessen, andererseits die Kenntnis der Eigenart des filmischen Zeichenmaterials und der Grenzen seiner Interpretierbarkeit (Kuchenbuch 1978: 13).“


 

Filme schaffen ein eigenes Raum-Zeit-Kontinuum

Ausgehend von diesen Modellen wird in den ausgearbeitet vom NLQ ausgearbeiteten Bildungspakten zur historisch-kritischen Filmarbeit Film als Element eines komplexen Wahrnehmungs-und Konstruktionsprozesses der analytischen Arbeit unterzogen. Filme schaffen ein eigenes Raum-Zeit-Kontinuum, dessen Analyse Rückschlüsse auf den dem Film zugrunde liegenden gesellschaftlichen Kontext erlauben. Dies gilt sowohl für die dargestellte Geschichte, für die Zeit der Filmproduktion wie auch der Filmrezeption. Grundlage der Arbeit ist dabei die Auseinandersetzung mit den filmischen Mitteln.

Damit korrespondiert dieser kommunikations-theoretische und mediendidaktische Ansatz mit den Anforderungen der „klassischen“ Quellenarbeit.

Bei der inneren Quellenkritik geht es vor allem darum, die Gestaltung des Films selbst und damit verbundene Aussagen und Wertungen zu erkennen und offenzulegen sowie Hauptmotive herauszuarbeiten. In diesem Zusammenhang ist die Kenntnis von grundlegenden filmsprachlichen Mitteln unerlässlich.

Die äußere Quellenkritik, bezogen auf einen Film, heißt, zu versuchen, die Herkunft der Filmquelle und den gesell­schaftliche Zusammenhang festzustel­len: den Auftraggeber, Produktionszeit und -ort, Produzent, Regisseur usw. Berücksichtigt werden sollten auch die politisch-ökonomischen Umstände der Entstehungszeit. Ferner ist, soweit möglich, die zeitgenössische Rezeption des Films einzubeziehen: Rezensionen, Zuschauerreaktionen und - zahlen etc.


Literatur

Gerd Albrecht: Aufgaben (Ziele) der Filmanalyse, in: Handbuch Medienarbeit. Medienanalyse, Medienordnung, Medienwirkung, Opladen 1981

Detlef Endeward: Historisch-kritische Filmanalyse im schulischen Geschichtsunterricht. In: Wilfried Köpke/Peter Stettner (Hrsg: Filmerbe. Non-fiktionale historische Bewegtbilder in Wissenschaft und Medienpraxis, Köln 2018, S. 209-236

Helmut Korte, Einführung in die systematische Filmanalyse, Berlin 1999

Krammer: Reinhard: Der politische Film im Unterricht: Analyse, Interpretation, Diskussion - http://www.politischebildung.com/pdfs/29_film.pdf  [03.11.2017]

Kuchenbuch, Thomas: Filmanalyse. Theorien, Modelle, Kritik, Köln 1978, S. 13

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