Technik zur intelligenten Veränderung der vorgefundenen Naturumstände

 

Mit  Überlegungen zum Zusammenhang von Geschichte und Kulturtechniken bewegt man sich im Umfeld eines Technikbegriffs, wie er in der Anthropologie verwendet wird. Aus anthropologischer Sicht kann man den Menschen als “Mängelwesen” bezeichnen. Der Mensch als nicht spezialisiertes Lebewesen ist zu seinem Überleben “auf die intelligente Veränderung der beliebigen vorgefundenen Naturumstände” - also auf den Einsatz von Technik - angewiesen”. Der Sinn der Technik lässt sich demnach in ihrer Funktion für den Menschen als Organersatz. Organentlastung bzw. Organüberbietung” beschreiben.

Aus dieser Perspektive ist es naheliegend in den Medien eine “Ausweitung unserer Körperorgane und unseres Nervensystems” zu sehen. Diese Sichtweise ist ganz und gar nicht neu, wie man schon aus Begriffen wie “Fernsprechen” und “Fernsehen” schließen kann.

Mit der Brille korrigiert er [...der Mensch] die Mängel der Linse in seinem Auge, mit dem Fernrohr schaut er in entfernte Weiten, mit dem Mikroskop überwindet er die Grenzen der Sichtbarkeit, die durch den Bau seiner Netzhaut abgesteckt werden. In der photographischen Kamera hat er ein Instrument geschaffen, das die flüchtigen Seheindrücke festhält, was ihm die Grammophonplatte für die ebenso vergänglichen Schalleindrücke leisten muss, beides im Grunde Materialisationen des ihm gegebenen Vermögens der Erinnerung, seines Gedächtnisses. Mit Hilfe des Telefons hört er aus Entfernungen, die selbst das Märchen als unerreichbar respektieren würde; die Schrift ist ursprünglich die Sprache der Abwesenden.”

Von “Organverstärkung” durch Medien spricht auch ein Aufklärer wie Johann Adam Bergk, der in seiner 1799 erschienen Abhandlung über “Die Kunst, Bücher zu lesen” schrieb:

“Bücher sind deshalb zur Beförderung unserer Mündigkeit tauglich, weil sie reich an interessanten und mannichfaltigen Stoffen sind, und weil sie dem Leser auch eine Kenntniß von dem erschaffen, wohin seine Augen nicht reichen, sein Fuß nicht tritt."

Medien - vom Buch bis zum Computer - dienen also dazu, die organischen Möglichkeiten des Menschen zur Wahrnehmung und Kommunikation einschließlich der damit verbundenen Prozesse der Informationsübermittlung, - verarbeitung und -speicherung zu verstärken.

Nach den Ausführungen weiter oben, ist die Verwendung des Begriffs “Informationsvermittlung”, der üblicherweise mit dem Computer verbunden wird, nicht weiter erklärungsbedürftig. Medien als “Außen-speicher” für Information und kognitive Prozesse verändern die Möglichkeiten der Informationsverarbeitung. Sie entlasten bzw. überbieten die “auf den Kopf” beschränkte Informationsverarbeitung: Dies gilt für schriftliche Rechenoperationen, für das “Verfertigen von Gedanken” beim Schreiben oder für Fotografien, die als externe Informationsspeicher zum wissenschaftlichen Forschungsinstrument werden können.

Sieht man in den Medien eine “Ausweitung unserer Körperorgane und unseres Nervensystems”, dann bezieht sich dieser Medienbegriff auf die Wahrnehmung, Speicherung, Wiedergabe, Vervielfältigung, Übertragung und Verteilung sowie Verarbeitung von Informationen. Aber nicht die Geräte, sondern die Funktion der Technik für Individuum und Gesellschaft stehen im Mittelpunkt dieser Definition.

Durch die Öffnung für die Beschäftigung mit der Mediennutzung in allen Lebensbereichen ergibt sich eine Perspektive zur Integration mit der Informationstechnischen Bildung, die weit über das gängige Thema “Computerspiele” hinausreichte.

 

Zur integrativen Leistung eines soziotechnischen Medienbegriffs

Was leistet eine Perspektive, die Medien über ihre Funktion als “Organerstaz, Organentlastung, Organüberbietung” betrachtet?

  • Wenn es um den Gegenstandsbereich der Medienbildung geht, kommt man weg von einer additiven Aufzählung einzelner Medien.
  • Die Organmetapher erlaubt eine systematische Beschreibung der Medien und einen systematischen Vergleich sowohl der Medien untereinander als auch der Medien mit der unmittelbaren Kommunikation und Wahrnehmung.
  • Dieses Medienverständnis erfasst auch die neuen Informations- und Kommunikationstechniken und lässt eine Beschreibung und Bewertung ihrer Funktionen zu.
  • Es wird der Tatsache gerecht, dass Medien in allen Bereichen der Gesellschaft - und nicht nur im Bereich der Massenmedien und Freizeit - eine zentrale Rolle spielen.

Aus diesem Medienverständnis ergeben sich übergreifende Fragestellungen. So muss die Frage, wie Wirklichkeit in einem Medium konstruiert wird, an ein Foto ebenso gestellt werden wie an eine Computersimulation. Unmittelbare Kommunikation oder kommunikative Prozesse, die medial vermittelt werden, sind gleichermaßen das Ergebnis von Selektionsketten. Wenn Computersimulationen nur “Erfahrungen an der langen Leine des Programmierers” ermöglichen, dann eröffnet der Bildausschnitt bei audiovisuellen Medien nicht nur einen Ausblick auf Welt, sondern begrenzt gleichzeitig das Blickfeld. Wer kompetent mit Medien umgehen will, muss sich immer die Frage stellen, welche Informationen er über das Medium bzw. das Mediensystem nicht erhält, weil sie aus technischen oder gesellschaftlichen Gründen nicht speicher- bzw. transportierbar sind.

Nicht zuletzt ergibt sich über dieses Medienverständnis ein unmittelbarer Anschluss an die Diskussion über Allgemeinbildung in der Informations- und Mediengesellschaft. Die Aneignung von und die Auseinandersetzung mit Wirklichkeit vollzieht sich in allen Lebensbereichen zunehmend in und über Medien:

“Dies aber bedeutet, daß die pädagogische Grundrelation von Ich und Welt durch die Existenz der modernen Medien verändert wird. Eine Erziehungs- und Bildungstheorie, die auf der Höhe der Zeit, daß heißt, der Probleme der Zeit sein will, dürfte diese Tatsache nicht ignorieren, und insofern ist medienpädagogische Theorie eben keine bloße Medienkunde, sie ist vielmehr eine von moderner Erziehungs- und Bildungstheorie unabtrennbare Dimension - wie medienpädagogisches Handeln von gegenwärtiger Erziehungspraxis unabtrennbar ist.”

Drucken

Sie möchten diesen Inhalt mit anderen teilen?

Niedersachen-Portal
Ich möchte diesen Inhalt über einen Social Network- oder einen Bookmark-Dienst teilen:

* Pflichtfelder
zum Seitenanfang
zur mobilen Ansicht wechseln